Warum ich aufhöre, auf den Frühling zu warten.
„Um 16 Uhr wird es schon dunkel.“ Dieser Satz fällt im Dezember und Januar oft mit einem schweren Seufzer. Wir sind kollektiv darauf konditioniert, Licht mit Glück und Dunkelheit mit Tristesse gleichzusetzen. Wir zählen die Tage bis zum Frühling, installieren Tageslichtlampen und versuchen, den Sommer künstlich zu verlängern.
Aber was passiert, wenn wir aufhören, gegen die Jahreszeit zu kämpfen?
Mein Blick auf den Winter verändert. Ich sehe nicht mehr das fehlende Licht. Ich sehe die Geborgenheit der Schatten.
Das Ritual der blauen Stunde.
Mein liebstes Ritual beginnt genau in dem Moment, vor dem sich die meisten fürchten: Wenn das Grau des Nachmittags in das tiefe Blau des Abends kippt. Statt hektisch alle Deckenleuchten anzuknipsen, um die Illusion von Tag zu erhalten, mache ich das Gegenteil. Ich lösche das elektrische Licht.
Ich zünde Kerzen an. Nicht eine, sondern viele.
Feuer statt LED.
Es hat eine fast meditative Qualität, mit einem Streichholz von Docht zu Docht zu wandern. Das Licht einer Kerze ist lebendig. Es flackert, es wirft weiche Schatten, es lässt den Raum atmen. Elektrisches Licht ist statisch und oft unbarmherzig. Kerzenlicht ist gnädig.
In dieser Kerzen-Stunde (die oft viel länger dauert) verlangsamt sich mein Puls. Die Welt da draußen mag nass, kalt und ungemütlich sein – aber das macht mein Refugium drinnen nur umso kostbarer. Es ist der Kontrast, der die Gemütlichkeit erst erzeugt. Ohne die Kälte draußen wüssten wir die Wärme der Wolldecke nicht zu schätzen.
Zeit für Substanz.
In diesem gedimmten Licht kann man nicht putzen. Man kann keine Steuererklärung machen. Man kann nicht effizient sein. Und genau das ist das Geschenk.
Die Dunkelheit zwingt uns sanft dazu, weniger zu tun und mehr zu fühlen. Es ist die perfekte Zeit für die Dinge, die in der grellen Sommersonne oft keinen Platz finden: Ein dickes Buch aus dem Exlibris-Archiv. Ein Eintrag ins Journal. Ein tiefes Gespräch oder einfach nur das Beobachten der Flamme.
Wir müssen den Winter nicht „überstehen“. Wir dürfen ihn bewohnen.
Impuls für heute Abend:
Wenn es heute dunkel wird: Lass den Lichtschalter in Ruhe. Zünde eine Kerze an, setz dich für fünf Minuten davor und tue absolut nichts. Spüre, wie die Ruhe einkehrt.
Wie gehst du mit der dunklen Jahreszeit um? Flucht oder Akzeptanz?
